Von Ehrenamt bis Familie

veröffentlicht am 9. Oktober 2017

Einfach mal kürzer treten. Zeit haben für sich, für die Familie, für Freunde oder für die Pflege der Eltern. Oder mal Zeit haben, sich ehrenamtlich zu engagieren, zum Häusle bauen, um Hobbys zu pflegen … Es gibt viele Gründe im Leben, vorübergehend die Arbeitszeit zu reduzieren.

Sieben aktive Metallerinnen und Metaller sagen hier, warum sie eine moderne Arbeitszeit anstreben.



Carina Frey, 19, Jugendvertreterin bei Kolbenschmidt in Leer-Papenburg. Carina lernt Industriemechanikerin, ist Mitglied im Ortsjugendausschuss und in der Tarifkommission des IG Metall-Bezirks Küste für die Metall- und Elektroindustrie:

„Gerade für junge Menschen ist es wichtig, wie es mit der Arbeitszeit weitergeht. Wir stehen am Anfang unseres Arbeitslebens. Wir können noch was verändern und wir müssen etwas ändern. Unser Betrieb ist relativ klein, rund 400 Beschäftigte. Wir haben einen hohen Altersdurchschnitt und viele arbeiten in Schicht. Wir Jungen kriegen ja mit, wie die älteren Kolleginnen und Kollegen an der Schicht zu knabbern haben. Nach einer Woche Nachtschicht sind sie k.o., das sieht man ihnen einfach an. Deshalb diskutieren wir auch unter den Auszubildenden, was für Arbeitszeiten wir brauchen, damit es allen besser geht. Für die Auszubildenden wollen wir als IG Metall Jugend außerdem erreichen, dass sie am Tag vor der Abschlussprüfung einen bezahlten freien Tag bekommen. Dahinter stehen bei uns alle Auszubildenden. Mein Jahrgang steht gerade vor den Abschlussprüfungen. Wir wissen, was das heißt.“



Mario Gutmann, 50, Industriemechaniker, seit 35 Jahren bei Bosch in Bamberg, seit 1990 Betriebsrat, seit 2016 Betriebsratsvorsitzender:

„Die gesamte Automobilindustrie, und mit ihr Bosch als größter Automobilzulieferer, steht vor Veränderungen, wie es sie wohl noch nie gegeben hat. Es ist die Transformation von den Verbrennungsmotoren hin zur Elektrifizierung, das Ganze in Begleitung der Digitalisierung und der Herausforderung von Industrie 4.0. Dieser Wandel geht mit ungeheurem Tempo voran, und es besteht die Gefahr, dass der Mensch dabei unter die Räder kommt. Ein ständiges Qualifizieren im neuen Arbeitsumfeld wird immer wichtiger. Wir brauchen eine gute, eine qualifizierte und vertretbare Entgeltforderung in dieser Tarifrunde. Das ist wichtig. Weiterhin ist uns wichtig, dass uns ein Einstieg in das Thema Arbeitszeit gelingt. In Zeiten fortschreitender Digitalisierung sind sichere Arbeitsplätze und planbare Arbeitszeiten immer wichtiger.“



Robert Döring, 37, Industriemechaniker, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und Vertrauenskörperleiter bei BMW in Leipzig:

„Die Schichtarbeit ist belastender geworden. Ursache dafür ist häufig die ständig abgeforderte Flexibilität, vor allem bei individuellen Änderungen der Arbeitszeit. Aber auch Samstagsarbeit oder Sonderschichten belasten die Mitarbeiter. Im Leipziger BMW-Werk arbeiten derzeit über 7000 Menschen. Es gibt sehr viel Arbeit, was gut ist. Die Kolleginnen und Kollegen beklagen sich darüber, dass sie am Wochenende keine Zeit mehr für sich, ihre Familie und Freunde haben. Das schlägt auf die Psyche. Die monotone Produktionsarbeit geht auf die Knochen. Aus dem Angestelltenbereich wird uns berichtet, dass die Leistungsverdichtung zunimmt. Wir brauchen dringend eine Lösung dafür, wie man Kollegen im Schichtdienst entlasten und die Leistung der Angestellten ermitteln kann. Damit meine ich nicht nur ergonomische Maßnahmen. Wir müssen auch über die Arbeitszeit sprechen: Mit einer Verkürzung der Arbeitszeit sind beispielsweise weniger Ausgleichsschichten nötig. Das ermöglicht neue Schichtzyklen und würde die Kollegen entlasten. Das tut jedem gut.“



Leander Hobusch, 23, Chemielaborant, Jugendvertreter und Vertrauensmann bei Sartorius in Göttingen, Mitglied in der Metall-Tarifkommission Niedersachsen:

„Ich bin seit Ende vergangenen Jahres Mitglied in der Tarifkommission. Für uns junge Beschäftigte steht bei der kommenden Tarifrunde die Forderung nach einer Freistellung vor den Prüfungen im Vordergrund. Die Jugendlichen stehen voll und ganz dahinter. Es geht darum, dass die Auszubildenden vor den mündlichen, schriftlichen und praktischen Prüfungen einen Tag frei bekommen. Das gilt auch für Zwischen- und Abschlussprüfungen. In Summe bedeutet das vier bis sechs Tage Urlaub vor den Prüfungen. Jeweils ein Tag Puffer ist wichtig, um das Gelernte noch mal in Ruhe zu sortieren und konzentriert in die Prüfung zu gehen. Damit haben wir volle Unterstützung von den erfahreneren Mitgliedern der Tarifkommission und auch vom Bezirksleiter. Auch für die Entgeltforderung ist die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen, groß.“



Frank Sell, 41, Industriemechaniker und Betriebsratsvorsitzender bei Bosch in Stuttgart-Feuerbach, Mitglied der Metall-Tarifkommission Baden-Württemberg:

„Der Betrieb brummt, trotz Diesel-Krise. Die Zahlen sehen super aus. Es sieht nach einem Rekordergebnis aus. Wir haben alle Hände voll zu tun. Für viele Beschäftigte sogar zu viel. Die meisten würden gerne etwas kürzer arbeiten. Das deckte die Beschäftigtenbefragung der IG Metall bei uns auf. Immerhin hat der Betriebsrat schon viel geregelt. Beschäftigte können mobil arbeiten und ihre Arbeitszeit mitbestimmen. Das ist ein Segen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich habe selbst zwei Kinder, ein und drei Jahre alt. Meine Frau ist Lehrerin und hat keine Freiheit bei der Arbeitszeit. Ich jedoch kann mich auch mal tagsüber um die Kinder kümmern und abends zu Hause arbeiten. Doch die Freiheiten bei der Arbeitszeit gelten nur in den Büros. Die Beschäftigten in der Produktion sind im Schichtrhythmus gefangen und haben keine Wahlfreiheit, dabei sind sie besonders belastet. Da müssen wir noch vorankommen. Am besten per Tarifvertrag. Das ist rechtlich sicherer und gilt für alle Betriebe.“



Thomas Rösner, 57, Diplom-Ingenieur Fahrzeugtechnik und Betriebsratsvorsitzender bei Hanon Systems in Kerpen, Mitglied der Tarifkommission NRW:

„Als Mitglied der Tarifkommission habe ich schon drei Tarifrunden mitgemacht. Zu Anfang sitzt man da und hält den Mund. Mit der Zeit wird man mutiger, seine Meinung zu sagen und korrigierend einzugreifen. Ich bin eines von 192 Mitgliedern und vertrete die Geschäftsstelle Köln-Leverkusen. Alle paar Monate haben wir eine Zusammenkunft. Wir tagen drei bis vier Stunden, wenn es auf die Tarifrunde zugeht, in kürzeren Abständen, so alle sechs Wochen. Ich verstehe mich als Vermittler zwischen der Tarifkommission, dem Betrieb und meiner Geschäftsstelle. Bisher ist die grundsätzliche Stimmung gut. Wir trauen uns zu, für die Forderung nach 6 Prozent Entgelterhöhung einzutreten, schließlich sucht das Unternehmen Ingenieure wie verrückt. Die Bereitschaft, an den Warnstreiks teilzunehmen, ist gegeben. In der Arbeitszeitdiskussion kommt auch die Forderung nach 28 Stunden verkürzter Vollzeit bei den Kollegen gut an. Allerdings haben wir im Betrieb schon ähnliche Regelungen per Betriebsvereinbarung eingeführt. Durch die Tarifkommission bekomme ich einen erheblich besseren Überblick. Der Austausch mit den Kollegen vor Ort ist sehr gut.“



Dieter Seidel, 61, Werkzeugmacher, Betriebsratsvorsitzender, Daimler-Werk Kassel, Mitglied der Metall-Tarifkommission Hessen:

„Ich bin seit 46 Jahren im Betrieb und habe erlebt, wie sich die Arbeitswelt verändert hat. Gerade in den letzten zehn Jahren ist die Leistung hochgeschraubt worden. Vor allem die Belastungen für Schichtarbeiter haben extrem zugenommen. Der Dreischichtbetrieb wurde stark ausgeweitet und Arbeit am Wochenende ist fast zur Normalität geworden. Jeder fünfte Produktionsbeschäftigte im Daimler-Werk in Kassel arbeitet in 20 oder 21 Schichten, inklusive Wochenende. Zwar gibt es zeitnah einen Freizeitausgleich. Doch Abende und Wochenenden mit der Familie und Freunden bleiben auf der Strecke. Wir haben das als Betriebsräte zulassen müssen. Wenn Du im Konzern nicht die verlangte Wirtschaftlichkeit lieferst, bist Du als Standort schnell auf dem Abstellgleis. Deshalb haben wir solchen Schichtmodellen zugestimmt. Die Diskussion um die verkürzte Vollzeit kommt daher genau richtig. Die Schichtarbeiter brauchen einfach Zeiträume, um ihre Batterien wieder aufladen zu können. Wenn wir das per Tarifvertrag regeln können, würde der für alle gelten und die Konkurrenz zwischen Standorten und Beschäftigten verringern.“

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